Nokia Lumia 925

Vor geraumer Zeit sprach ich „Morgen kaufe ich ein Windows Phone„. In der Tat machte ich das. Ungerechter Weise, muss man fast sagen, werden die Nokia Lumias verramscht. Nun ist Nokia Geschichte, Microsoft hat das Mobilfunk-Segment von Nokia übernommen, darf den Namen „Nokia“ für S40 Geräte nutzen und Nokia selbst kann in 2 Jahren wieder Mobiltelefone herstellen. Somit wird das angekündigte Nokia Lumia 930 das letzte Smartphone von Nokia sein. Was kann man erwarten? Was sind meine Eindrücke?

Nun gut. Damals spurtete ich los und ergatterte ein weißes 925 um 280 Euros. Dafür das das Gerät nicht so alt war und irgendwie doch das fast Flagship-Modell war, ein günstiger Preis. Ohne viel mehr Wissen über die Qualität der Nokia Geräte und größere Erwartungen an Windows Phone packte ich das Teil mal aus und ging mehr oder weniger unvoreingenommen an die Erkundung. Naja, eine kleine Erwartung hatte ich schon, nämlich die, dass ich keine oder kaum sinnvolle oder bekannte Apps vor finden würde. Ausgepackt und zuerst mal über die doch sehr hochwertige Verarbeitung gefreut. Das Telefon könnte man als ideal von der Größe her einstufen. Nicht zu groß, 5″ sind cool, aber schon fast grenzwertig. Das Sony Xperia Z was ich normal nutze, ist genau an der Grenze. Kann man noch bedienen, passt in die Hosentasche, aber eben alles „noch“. Ich bin mal in den Superlanden gelaufen und hab ein Sony Xperia Z1 angegriffen. Auch 5″ Display, aber der Rahmen ist größer. Nicht viel, aber eben über der Grenze. Das Nokia also mit 4,5″ Display, AMOLED, was auch was her macht, wenn es nicht wie bei Samsung üblich auf knallige Farben eingestellt ist. Schwarz ist eben schwarz. Dafür kein FullHD, was ja aktuell das „normale“ ist. Man sieht trotzdem keine Pixel, klar. Ziemlich dünn und leicht ist es. Kein Vergleich zum Lumia 920, was als schwerer und dicker Ziegel daher kam. Dafür kann man es nicht kabellos laden. Dafür gibt es dann eine Ladehülle für Lumia 925 die als Schutz für die Rückseite funktioniert und die Spule verbaut hat. Kostet ein paar Euro, macht es 2mm dicker, aber nicht spürbar schwerer. Man kann sich das schön reden, wenn man kabellos Laden will, muss man das eben drauf schnallen und es beeinträchtigt die Optik. Manche meinen, es greift sich dann besser an. Die dünne Spule hätte vielleicht schon noch in die Polycarbonat-Hülle gepasst. Dafür ist Laden-durch-Drauflegen ziemlich lässig. Qi-kompatible Ladegeräte gibt es inzwischen viele von einigen Herstellern für zu Haus und das Auto und alles.

Okay. Hardware und Optik sind überraschend gut. Es liegen die üblichen Beigaben in der Kiste. Ladegerät und Headset. Nett, aber nicht übertrieben super. Am Gerät gibt es auf der rechten Seite 2,5 Knöpfe. Kamera, Power und Lautstärke-Wippe. Oben 3,5mm Dose und MicroUSB. Dazu ein kleines Schubfach für eine MicroSIM. Wie beim iPhone und anderen Geräten mit einer wilden Auswurftechnik die man nur mit dem beigelegten Tool nutzen kann. Wenn man nicht dauernd die Karte wechselt, akzeptabel. Das war’s an Elementen am Rand. Vorn ein Display, dazu die 3 üblichen Buttons für Windows. Es gibt keine Benachrichtungs-LED. Vielleicht weil Windows keine Benachrichtigungen in dem Sinne hat? Neulich erkannte ich, dass die Windows-Taste vorn unter dem Display unabhängig von den 2 anderen Button leuchten kann! Das macht das Gerät wenn es geladen wird. Scheint ein neues Feature zu sein und zeigt, dass es theoretisch möglich wäre, die Windows-Taste blinken zu lassen. Hinten eine recht große Kamera-Linse und der Doppel-LED-Blitz. Dazu 4 Kontakte für das Ladecover und ein Lautsprecher-Grill. Fertig. Alles leicht abgerundet, das Displayglas zum Beispiel, die Rückseite auch. Rund herum ein Alu-Rahmen. Dezente Optik und wertige Anmutung. Da kann man kaum meckern.

Irgendwann schaltet man das Gerät natürlich auch an. Es bootet, kein Windows Start Sound, aber ein Windows Logo. Dann springen auch schon die Kacheln auf! Seinerzeit war ich noch mit Google-Apps-Services am Start und diese unterstützen ActiveSync. Einrichtung und alles war kein Problem, funktioniert alles. Auf dem Gerät sind einige viele Nokia-Apps installiert. Hier die erste richtig positive Überraschung! Nokia hat sehr brauchbare Apps gebaut die das Windows Phone vom Start weg nutzbar machen. Zuerst müssen die HERE-Maps erwähnt werden. So wie im Android überall die Google Map verbaut ist, wäre es im Windows wohl die Bing!-Map. Apple setzt seine eigene Karte ein. Aber bei Lumia Geräten ist das Kartenmaterial von HERE eingebaut. Ein kleiner Abriss der Geschichte: Früher OVI-Maps, Nokia Maps oder Smart2Go genannt. Es gab schon immer (jedenfalls auch am Nokia N82) kostenlose Karten und Navigation. Später kaufte Nokia den Kartenanbieter Navteq. Es gibt also Offline-Karten für 196 Länder kostenlos. Die HERE Map ersetzt die normale Kartenapp vollständig. Jede Applikation im Telefon nutzt die Karten. Man kann sich einzelne Länder offline speichern, sonst wird eben online die Karte geladen. Der Effekt ist ziemlich nett, man hat kaum mehr Datenverkehr und immer und überall eine sehr gute und aktuelle Karte. Um das Kartenmaterial sind einige Apps gebaut, für Öffentlichen Nahverkehr, Karte allgemein und was man sonst noch erwarten würde. Die Karte enthält auch viele POIs. Das Glanzstück ist sicher HERE Drive+. Dabei handelt es sich um eine ausgewachsene Navigation für Auto. Sprachausgabe, Verkehr, alles am Start. Kostenlos beim Nokia Telefon dabei. Nett.

Bald findet man auch keine App namens Nokia MixRadio. Dabei handelt es sich um eine Art schmales Spotify. Man kann keine Titel direkt auswählen und hören, man kann nur „Mixe“ erstellen. Man gibt 3 Künstler vor, es wird ein Mix erstellt, der die gleiche Richtung ist. Dieser spielt dann, man kann Titel skippen, aber nur begrenzt viele pro Stunde. Außerdem kann man 4 Mixe offline im Telefon speichern, wenn man mal ohne Netz unterwegs ist oder sich nicht das Datenvolumen verbrauchen will. Das alles kostenlos. Gegen eine geringe Gebühr, nämlich 3,99 im Monat kann man auch MixRadio+ haben. Dann gehen unbegrenzte Offline Mixe, bessere Qualität im WLAN und unbegrenztes Skippen. Einfach ein Album hören kann man dann immer noch nicht. Daher nennt es sich ja auch MIX Radio. Es wird behauptet 30 Mio Titel zu haben, was sehr viel mehr wäre als die anderen Streaming-Anbieter. Möglich, 15 Mio Titel sind irgendwelche Volkslieder aus Arabien. Ich meine, in kostenlos sorgt es für eine Art persönliches Radio. Das auch im Auto und unterwegs. Fein.

Mit dem Nokia 808 kam erstmals ein Telefon mit einer „Pureview“ Kamera an den Start. Das ist ein Marketingbegriff den Nokia auf einige Kameras klebt. Diese zeichnen sich durch besonders tolle Bilder aus. Aha. Kann jeder sagen. Im 808 und Lumia 1020 werkelt eine Kamera mit 41 Megapixel. Das klingt viel, wird aber hauptsächlich dafür genutzt zu zoomen und im Dunklen aus mehreren Pixeln eins zu berechnen. Im 925 gibt es dafür nur 8,7 Megapixel und kein Oversampling. Dafür einen optischen Stabilisator. Der gleich durch bewegliche Linsen die Bewegungen der Hand aus und verspricht schärfere Bilder in dunklen Situationen. Beim Lumia 1020 hat man dann beide Features, 41 MPixel und Stabilisator. Bilder vom 1020 sehen auch ziemlich lässig aus, kann man nicht mehr erkennen, dass die von einem Mobiltelefon kommen. Im 925 jedenfalls ein recht großer Sensor, Stabilisator und Blende 2.0. Fotos sind okay, ziehen aber auch nicht die Wurst vom Brot. Besonders zu erwähnen ist die Nokia Pro Camera App. Da gibt es alle Features in einer App. Automatisch eingestellt geht alles einfach, aber man kann auch einen manuellen Modus aktivieren, dann lässt sich von ISO, Blende bis hin zum Fokus alles per Hand einstellen. In einigen Situationen hilfreich. Lässig sind auch die anderen Kamera Apps. Diverse Spielereien aus Serienbilder lassen sich umsetzen. Objekte entfernen, Objekte mehrfach im Bild. Animiertes GIF. Nette Spielerei ist Nokia Refocus. Damit kann man aus einer Serie Bilder mit verschiedenen Fokuspunkten ein Bild machen, wo man später noch den Fokus ändern kann. Ein paar Beispiele gibt es auf der Webseite. Selbst erreicht man nie solche Ergebnisse, leider.

Das ist also die doch überraschende Ausstattung eines Nokia 925 nach dem Auspacken. Mehr oder weniger ist man komplett, ohne das man jemals den vermeintlich leeren App-Store besuchte. Freilich will man dort doch mal vorbei schauen, sei es nur um sagen zu können: Leer! Keine Apps! Schäbiger Weise passierte mir das nicht. Im Laufe der Jahre nutzte ich eine Hand voll Services. Google vorn weg, Remember the milk, Dropbox und was noch alles. Dafür gilt es nun passende Apps zu finden. Hunderte soziale Netzwerke, diverse Dienste. Puh! Und das bei leerem Store. Aus welchen Gründen auch immer fand ich dann relativ schnell für alles eine App. Zum Ende fehlen nur die Google-Services. Genauer lässt sich alles nutzen, nur Google+ nicht. Das ist doof, das ist nettes Netzwerk. Es gibt eine halbwegs brauchbare App, aber so richtig toll ist die nicht. Am Ende liegt das daran, dass Google seine API nicht öffnet? Weiß man nicht. Während Google für jedes Betriebssystem Apps raus wirft, tut es das nicht für Windows Phone. Selbst sagen sie, weil das keiner nutzt, man munkelt allerdings, Google weiß, dass größere Gefahr für die Dominanz von Android nicht von Apple droht, sondern wenn, dann von Microsoft. Tja. Hilft nix. Google Talk bzw jetzt Hangouts kann man mit IM+ ersetzen, das rennt gut. Foursquare, Instagramm, Facebook und allerlei findet man. Sowohl offizielle Programme als auch (bessere) Apps von Drittanbietern. Man kann Apps als „Testversion“ beziehen, viele sind kostenlos, einige kosten ein paar Euro. Zum Glück gab es eine Aktion von Nokia, wo Käufern bestimmter Telefone 20€ Guthaben im Store geschenkt wurden. Ich würde meinen, ich hab alles. Außer Google+ halt. Und der Spotify Client ist nur halb entwickelt, läuft aber.

Am Ende bin ich von Google weg und zog mein eMail-Konto zu OVH auf einen Exchange. Der kostet da 3,90 pro Monat für 50GB und wenn man tatsächlich versucht all die Informationen wie Mails, Kalender und Kontakte zu verwalten merkt man früher oder später, dass Microsoft da sehr viel mehr Erfahrung hat. Office und Exchange sind nicht zufällig die wichtigen Produkte von Microsoft.

Fazit: Eigentlich aus langer Weile und Spieltrieb kaufte ich ein Nokia Lumia 925 und endete fast als Fanboy. Nokia liefert ein Top Gerät. Kann man sich von 400000000000 Optionen und Einstellungen und „Rooten“ lösen, bekommt man ein Telefon was genau das tut, was es tun soll. Über alles gesehen bietet Windows Phone das modernste Betriebssystem. Seiner Jugend ist geschuldet, dass es noch so einige Aspekte gibt, wo man sich fragt, muss das so ein? Man würde sich wünschen, dass die Anbieter von Apps das Betriebssystem für voll nehmen und schicke Apps bauen. Wenn man nicht aus relegiösen Gründen auf iOS oder Android fest gelegt ist, sollte man sich das mal anschauen. Windows 8.1 und ein Nokia Lumia 930 könnten ernsthafte Optionen sein.