Android Wear: Beta an allen Orten

sw3_sqNachdem ich nun eine reichliche Woche mit der Sony SmartWatch 3 SWR50 durch die Gegend laufe, komme ich zu einem vorläufigen Schluss: Potente Hardware, halbfertige Software. Google halt.

Die am Markt verfügbaren Android Wear Smartwatches unterscheiden sich im Moment in allen Aspekten. Technisch gesehen kommt immer ein Snapdragon 400 mit teils abgeschalteten Kernen zum Einsatz. Es gibt ein halbes Gig Ram und 4GB Speicher, den man nutzen kann. Außnahme ist die Moto 360. Die kommt mit einem alten OMAP SoC von Texas Instruments daher. Einige Uhren haben einen Pulsmesser, einige sind Rund, andere eckig. Eine hat eigenes GPS und eigenes WLAN. Der frühe Käufer muss sich also entscheiden. Alles zusammen gibt es gar nicht, wie es scheint. Der Preis reicht von lockeren 130€ für die LG G der ersten Stunde bis 299€ für eine Moto 360 mit extra schöner Farbe. Allen Uhren gemeinsam ist eines: Android Wear 2.0 von Google dient als Betriebssystem. Das ist noch Beta, was man auch deutlich bemerkt.

Ich will hier aufzeigen, wo es klemmt. Dazu muss gesagt werden, ich tendiere dazu, nicht jedes Bit und Byte was aus Google fällt unreflektiert zu bejubeln. Eher sehe ich skeptisch zu, wie in letzter Zeit, mit zunehmender Dominanz von Google viele Dinge versprochen, aber nicht oder sehr spät gehalten werden. Viele Dinge funktionieren nur in den USA. Andere würden funktionieren, aber tun es nicht, weil Dritte nicht mitspielen. Umstände für die Google nichts kann, die es aber heran zieht um unfertige Sachen zu verkaufen zum Vollpreis. Normal kann man keine Uhr verkaufen die nur etwas funktioniert um 229€. Aktuell, denke ich mir, kaufen diese Geräte daher auch nur Enthusiasten der ersten Stunde oder Fanboys. Jeder andere Hersteller würde sich nicht trauen recht teure Produkte mit einem klar als Beta gekennzeichneten Betriebssystem auf den Markt zu werfen. Nächstes Jahr wird Apple die Apple Watch zeigen, ich glaube, die wird mit allen vorgestellten Features funktionieren, das SDK ist gestern für Entwickler bereit gestellt worden.

Ich trage die Sony SmartWatch 3 SWR50 mit mir herum. Das hat den Grund, dass ich hoffte, das Gerät fügt sich in mein kleines Universum aus Sony-Geräten gut ein. Ich könnte versuchen, das Design und die Features schön zu reden, aber wie oben angeführt, sind die inneren Werte etwa gleich zu allen anderen Uhren. Die Hardware ist mit Marketingversprechen und Screenshoots von einer Software-Integration auf den Markt gebracht worden, tatsächlich gibt es keine speziellen Sony-Features im Moment. Das Problem beschrieb ich auch schon gleich nach dem Start meines Experimentes. Ich hoffe auf ein Update und überhaupt Lieferung der Eigenschaften die versprochen waren. Bleibt also eine generische Android Wear Uhr in schlichtem Design.

Und genau dieses Android Wear ist sehr unfertig. Die Konzepte dahinter kann man erahnen, aber Vieles muss geändert werden. Es gibt Rumors über eine Lollipop Version die Ende des Jahres oder Anfang des nächsten erscheine soll. Da soll einiges verbessert werden, vor allem ein besseres SDK. Android Wear lässt sich auf 2 Arten bedienen. Wischen von sogenannten „Karten“ und Sprach-Eingabe. Die Spracheingabe steht und fällt mit der Google Suche. Es kommt mir vor, die Erkennung erkennt Wörter und tippt diese in die Google-Suche. Diese versteht, zumindest in Deutsch, aber nicht den Sinn der Frage. Kann man leicht in der Google Suche probieren: „Wo bin ich“, es erscheint eine Karte mit dem Standort. „Wo binde ich mich gerade“, es erscheint eine Suche nach diesem Satz. Und genau das macht auch die Uhr. So ist es auch mit allein anderen Dingen die man in die Uhr redet. Es gibt zusätzlich zu den Phrasen die in der Google-Suche funktionieren noch ein paar feste Sätze. Das sind genau die, die man durch nach oben wischen vom der „Ok Google!“ Karte erreichen kann. Also „Meine Schritte anzeigen“ zeigt die Schritte an in Google Fit oder in der App die man als Reaktion auf diese Satz eingestellt hat. Eine auch nur gering anders formulierte Frage wird immer eine normale Suche in Google auslösen. Sowas wie „Wieviele Schritte habe ich heute?“ kann man sich sparen. Da poppt eine Suche nach dem Satz auf. Für alle Ergebnisse wo es in der Google Suche ein Ergebnis gibt, welchen nicht einfach nur Webseiten sind, sondern extrahiertes Wissen, zeigt die Uhr das auch an.
dachsteinFragt man zum Beispiel: Wie hoch ist der Dachstein? Dann erscheint genau dieser Wert und ein schickes Bild. Man kann dann fragen: Wo befindet er sich? Und es poppt eine kleine Karte her, die zeigt wo der Dachstein ist. Es funktionieren also auch Nachfragen. Das funktioniert Prima, aber eben auch nur, wenn man genau das fragt, was ein Ergebnis aus dem Knowlegde-Graph liefert. Bei anderen Fragen hat man machmal Glück und das was man wissen wollte kommt in den ersten Zeilen der ersten Seite eines Suchergebnisses vor. Eine Frage wie „Wie viele Kalorien hat ein Apfel?“ liefert allerdings kein sinnvolles Ergebnis.

„Starte einen Timer mit 35 Minuten“ geht so leidlich, wenn man sich die genaue Formulierung angewöhnt. Genau so schaut es aus, wenn man einen Wecker gestellt haben will oder andere Dinge aus dem vorhandenen Funktionen starten will. Bei Erinnerungen wird es schon ziemlich haarig. „Erinnere mich dran in 4 Stunden Blumen zu gießen“ will eine Erinnerung am 4. Dezember um 9 Uhr setzen namens „Blumen zu gießen“. Hmm,…

Das echte Problem damit wird kommen, wenn erst mal viele Applikationen breite Unterstützung für Android Wear haben. Denn außer den paar festen Kommandos kann man keine anderen Aktionen auslösen. Ein Beispiel wäre dieses: Die Phillips Hue Applikation baut mal Support für Android Wear. Dann kann man theoretisch das Licht in der Wohnung mit der Uhr steuern. Eine feine Sache, die die Zukunft ins Heute holt. Leider funktioniert das im Moment so gar nicht und in Zukunft weiß ich nicht, wie es gehen sollte, wenn es so bleibt wie es ist. Eine Lösung könnte sein, die Spracherkennung erkennt nicht nur einen Satz und gleicht den mit den paar festen Kommandos in der Uhr ab sonder erkennt den Sinn der Ansage. Es kondensiert alle möglichen Ansagen auf einen Kern zusammen. Der besteht aus einer Zuordnung zu einer Anwendung und dem eigentlichen Ansinnen. So würde praktisch jeder Text der sich irgendwie auf Beleuchtung reduzieren lässt die Hue App adressieren und dieser den Inhalt übergeben. Wenn ich also rein rufe: „Mach das Licht im Wohnzimmer an“ müsste an die App die sich für „Beleuchtung“ zuständig fühlt die Botschaft gegeben werden: Wohnzimmer an. Die kennt die Gruppe „Wohnzimmer“ und „an“. Zack, Licht an!

Aber soweit ist es noch nicht. Die Fanboys lachen über Apple, die mit ihrer Apple Watch daher kommen und so Gimmiks am Start haben wie Puls an eine andere Uhr senden, Dinge malen und was weiß ich noch alles. Was sie vergessen: Apple kauft immer Spezialisten und deren Technologie ein. Man mag meinen, daher funktionieren die Dinge bei Apple auch meist. Einfach so, ohne das man rooten muss oder per Sideload irgendwelche hässlichen Apps auf die Geräte schieben. In der aktuellen Variante ist Android Wear eine nette Idee, aber für die breite Menge wird sich nicht erschließen, warum man für Notifications auf der Uhr 200€ ausgeben soll. Die „anderen Apps“ verstecken sich so gut hinter einem Mini-Menüpunkt, dass man sie nicht nutzen will. Sie lassen sich nicht per Sprache starten.

Eine andere üble Sache mit den Notificationen: Wischt man die auf der Uhr weg, verschwinden sie auch am Telefon. Blödes Beispiel, aber ich hab schon 2 Spiele bei Quizduell verloren, weil ich die Meldung an der Uhr weg wischte, sie dann auch am Telefon weg war. Hier müsste man einstellen können, was passiert. Ein paar Fragen beim ersten Erscheinen einer Meldung auf der Uhr und fertig.
Das neuste Update der Android Wear Software auf dem Telefon hat die 2 Tage Laufzeit der Sony SmartWatch 3 SWR50 auf nur mehr einen verkürzt. Das sollte auch nicht passieren. Mir ist klar, dass Beta drin ist, wo Beta drauf steht. Aber auf der Verpackung der Uhr stand eben nicht „Beta“ sondern es hing ein Preisschild dran. Das Sony es nicht fertig bringt seine eigene Software zum Start der Hardware kompatibel zu haben ist ein anderer Skandal.

Bleibt zusammen fassend zu sagen: Schicke und potente Hardware ist am Markt. Die Software und damit die Zukunft des Android Wear Projektes hat allerdings noch einen weiten Weg vor sich. Im Moment kann man sich das kaufen wenn man sich dessen bewusst ist. Es muss klar sein, dass die Software erst in Zukunft fertig und nutzbar sein wird. Dann wird die Hardware von heute aber bereits veraltet sein. Für Gadget-Fans, Google Fanboys und early Adopter okay. Für echte Nutzer eher noch nicht.